Contergan; Die Eltern

Uraufführung
MÜNCHEN:   DOKUMENTARFILMFEST MÜNCHEN
am Sonntag, den 04. Mai 2003 im Kino GASTEIG

Fernsehaufführungen
WDR:
11. Januar 2004
ARTE: 19. Januar 2004

VHS - Kassette "Contergan: Die Eltern",
incl. umfangreichem Begleitbuch mit über 100 Seiten,
    für
20,00 Euro incl. Porto (innerhalb Deutschlands)
zu beziehen über unseren
Interessenverband e.V. oder unseren

Bundesverband Contergangeschädigter
 

weitere Aufführungen fanden statt:
KÖLN :  Kölner Filmhaus, am 24.06.2003
BERLIN: 20.09.2003
im Rahmen des Abschlussprogramms der von der Aktion Mensch bundesweit organisierten
                                     Veranstaltungsreihe "Stadt der   1000 Fragen"

HEIDELBERG: Karlstorkino, am 27. und 28.09.2003    zum Presseartikel, RNZ 29.09.2003

MÜNSTER: Filmfest, am 30.11.03

HEIDELBERG: Karlstorkino, am 02.12.2003

BONN: Kino in der Brotfabrik, am 14.12.03
 

  

PRESSE-MITTEILUNG August 2003                                                  Zurück zur home

Aufführungstermine/Kartenvorverkauf    

Vorwort der Ministerin Renate Schmidt   
Vorwort des Bundesverbands Contergangeschädigte       

Zum Inhalt des Films

Interview mit Filmemacher Andreas Fischer geführt von Günter Jekubzik, Filmjournalist, Aachen

einige Bilder zum Film

 

Vorworte  für die Begleitbroschüre zum Film »Contergan: Die Eltern«     

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich freue mich, Ihnen den Film »Contergan: Die Eltern« und die dazugehörige Begleitbroschüre übersenden zu können. Gerne hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend dieses Projekt des Bundesverbandes Contergangeschädigter e.V. gefördert.

Mütter und Väter von contergangeschädigten Menschen bekommen hier erstmals durch Film, Bild und Schrift eine Plattform, um ihre tiefsten Gefühle und Ängste, ihre Freude und ihr Leid zum Ausdruck zu bringen.

Aus der Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Contergangeschädigter e.V. und der Stiftung »Hilfswerk für behinderte Kinder« wissen wir, wie schwer es innerhalb der Familien war, über das Geschehene zu sprechen. So haben die Contergangeschädigten oft kaum eine Vorstellung davon was in ihren Eltern zur Zeit der Geburt ihrer behinderten Kinder vorgegangen ist. Hier setzt der Film »Contergan: Die Eltern« an. Eltern Contergangeschädigter  erzählen in bewundernswerter Offenheit über ihre Erlebnisse und Gefühle, über ihre Schwierigkeiten, mit dem Schock nach der Geburt des behinderten Kindes zurecht zu kommen über Reaktionen der Umwelt, über das Spießrutenlaufen bei Behörden und Gerichten. Aber die Eltern sprechen auch voller Liebe über ihre Kinder, die ihnen Freude schenkten und die ihr Leben bis heute bereichern. 

Die Begleitbroschüre greift Momente des Films auf und bietet mögliche Gesprächsstrategien an. Hintergrundinformationen zum Contergan-Skandal sowie zur aktuellen Situation contergangeschädigter Menschen ergänzen das Heft.

Film und Broschüre sind nicht ausschließlich für den Kreis der Familien Contergangeschädigter gedacht. Die Aussagen der Eltern besitzen eine hohe Allgemeingültigkeit für das Leben mit Behinderung und mit Behinderten. Film und Broschüre richten sich daher gleichermaßen auch an andere Familien mit Behinderten sowie an die breite Öffentlichkeit und werben für Toleranz und für ein gleichberechtigtes Miteinander. Ich bin überzeugt, dass »Contergan: Die Eltern« hierzu einen wichtigen Beitrag leisten kann.

 

Renate Schmidt,

Bundesministerin, für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 


 

Liebe Eltern und Contergangeschädigte, liebe Leserinnen und Leser,

der Idee von Andreas Fischer (Moraki-Film), über »unsere Eltern« einen Film zu drehen, standen wir zunächst skeptisch gegenüber. Wissen wir doch aus eigenen Erfahrungen, wie schmerzhaft und aufwühlend das Eintauchen in negativ behaftete, verdrängte Erlebnisse sein kann. Wir nahmen uns dennoch diesem Thema an, da wir der festen Überzeugung waren und auch heute noch sind, wie wichtig und erlösend es ist, über die Vergangenheit zu reden. Die Eltern haben Großartiges geleistet, ganz selten aber Gehör gefunden. Um uns Contergan-Opfer drehte sich die Medienwelt. Wegen uns zerbrachen sich Ärzte, Psychologen, Pädagogen und Orthopäden die Köpfe über die bestmöglichste Therapie. Behörden, Gerichte und Kassen stritten sich um Ansprüche und Erstattungen. Und unsere Eltern? Sie standen im Hintergrund

und trugen die schwersten Kämpfe mit sich selbst aus.

Für uns ist es daher ein besonderes Anliegen, 40 Jahre nach dem »Contergan-Skandal« und dem Schock der Geburt eines missgebildeten Kindes, die Eltern in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. Sie können über ihre Gefühle offen reden und aussprechen, was vielleicht über Jahrzehnte hinweg im tiefsten Innern eingeschlossen war.

Der Film »Contergan: die Eltern« und die Begleitbroschüre sind Zeichen der Dankbarkeit und Bewunderung für die Stärke, Kraft und Ausdauer sowie für die Liebe der Eltern. Mit diesem Projekt wollen wir aber auch Chancen für Lebenswege aufzeigen und denen Mut machen, die sich in ähnlich verzweifelten Situationen befinden.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat das Projekt »Contergan: die Eltern« finanziell großzügig unterstützt. Hierfür bedanken wir uns herzlich.

Lassen Sie sich beim Betrachten des Films und bei der Lektüre der Broschüre mit offenem Herzen ein auf unterschiedliche Emotionen und rege Diskussionen. Ihre Erfahrungen würden uns interessieren.

 

Margit Hudelmaier

1. Vorsitzende Bundesverband Contergangeschädigter e.V.  

 


 

Zum Inhalt des Films

Andreas Fischer, Filmemacher

 

Die Geschichte des Conterganskandals war für mich immer präsent, denn die Betroffenen sind in meinem Alter. Ich bin 1961 geboren, dem Jahr als Contergan viel zu spät vom Markt genommen wurde.

Daher verfolgte ich mit großem Interesse die zahlreichen Fernsehberichte und Dokumentationen, die sich mit dem Leben meiner behinderten Altersgenossen beschäftigten und eines Tages fragte ich mich, wie haben denn die Eltern das erlebt? Sie waren ja ebenfalls "Betroffene" und was muss es für sie bedeutet haben, dass sie der Werbung oder den Ärzten, die das Medikament verschrieben, vertraut hatten?

So hatte ich als Filmemacher die Idee, einen Film über die Eltern Contergangeschädigter zu drehen, und sofort hatte ich den Gedanken, es müsse ein Interviewfilm sein, in dem nur die Eltern zu Wort kommen.

Bis dahin hatte ich noch nie persönlich Kontakt zu einem Contergangeschädigten oder dessen Eltern gehabt, daher hatte ich keine genaue Vorstellung von dem, was sich vor mehr als 40 Jahren in den damals jungen Familien abspielte.

Nachdem ich mit der Idee zu diesem Film an den Bundesverband Contergangeschädigter e.V. herangetreten war wurde mir ein Buch zugeschickt mit dem Titel "Christine". Frau Brückner erzählt in dem Buch von Ihrem Leben als Mutter der contergangeschädigten Christine. Dieses beeindruckende Buch verschaffte mir den ersten tiefen Einblick in das psychische Geschehen der Eltern. Selbstverständlich, das war mir klar, war das Schicksal jeder einzelnen Familie einzigartig, sehr verschieden die Probleme, allein schon aufgrund der höchst unterschiedlichen Schäden, die Contergan bei den ungeborenen Kindern verursacht hatte.

Aber nach der Lektüre des Buches wusste ich auch, es gab eine Art übergeordnete Geschichte, die alle Eltern verband, die sie alle gemeinsam hatten, und die galt es zu erzählen, oder genauer gesagt, erzählen zu lassen.

Eine junge Frau sieht einen jungen Mann in einem Hof Ball spielen und verliebt sich. Auf einer Karnevalsveranstaltung fällt einem jungen Mann eine forsche, burschikose und hübsche junge Frau auf und er weiß, das ist SIE. So oder ähnlich beginnen Liebesgeschichten seit Menschengedenken. Die Verliebten finden sich, wir sind in den fünfziger Jahren, ein Eheleben auf Probe ist in der Regel undenkbar. So wird geheiratet, manchmal ein wenig früher als angedacht, weil die Liebe bereits Früchte trägt.

Ein Baby ist unterwegs, die jungen Leute freuen sich, der Geburtstermin naht und völlig vergessen ist bereits, dass es vor Monaten eine Situation gegeben hatte, die der Mutter den Schlaf raubte und der Arzt verschrieb ein neues Medikament: „Contergan, völlig ungiftig.“

Das Baby kommt zur Welt, die Mutter befindet sich in einer "Glücksblase", wie es eine meiner Interviewpartnerinnen formulierte, und dann die Nachricht: nein, das Kind ist nicht gesund. Arme fehlen, oder Beine, oder Ohren.

Ein Schreck, der die Sprache verschlägt, nur noch weinen lässt, und trotzdem, das Kind ist da und die Liebe ist da. Und die Fragen sind da.

Warum bei uns?

Was haben wir getan?

Was ist mit uns nicht richtig?

Bibeltexte, die von Sünden sprechen, die sich an den Kindern rächen, ziehen durch die Gedanken der Eltern.

Einige Zeit später geht die junge Mutter mit ihrem Kind spazieren und entdeckt an einem Zeitungskiosk die Schlagzeile: "Missgeburten durch Schlafmittel" und sie erinnert sich. Vor vielen Monaten hat sie ein Schlafmittel vom Arzt bekommen, weil ein Todesfall in der Familie sie aus dem Gleichgewicht brachte, eine Baustelle vor dem Haus die Ruhe störte oder der Mann erkrankte, und die Sorgen um ihn das Einschlafen erschwerten.

Schließlich die Gewissheit, Contergan war die Ursache. Hätte die Mutter das Contergan nicht genommen, wäre das Kind mit großer Wahrscheinlichkeit gesund zur Welt gekommen.

Schuldgefühle, die bis heute nagen. Auf der anderen Seite auch eine Beruhigung, es war eine äußere Ursache, es ist kein genetischer Defekt in der Familie und das bedeutet, auch die "Contergankinder" können später einmal selbst Eltern werden.

Viele Contergangeschädigte sind heute - 41 Jahre nach Aufdeckung der Wirkungen von Contergan - selbst Eltern, und die eigenen Eltern sind inzwischen Großeltern. Unser Film endet mit der privaten Super-8-Aufnahme einer jungen Frau die, mit geschädigten Armen und Beinen, sehr glücklich und liebevoll mit ihrem Baby spielt.

Oft aber sind die Partnerschaften der Contergangeschädigten nicht glücklich verlaufen
oder die Behinderungen so schwer, dass der einfache und starke Wunsch nach einer eigenen Familie versagt blieb, was dann auch für die Eltern der Contergangeschädigten Schmerz bedeutet.

Doch bei allem Schmerz, von dem die interviewten Eltern in unserem Film natürlich berichten, gibt es und das war für mich das verblüffendste, während der ganzen Arbeit an diesem Film, auch viel zu lachen. Oft haben meine Interviewpartner einen derart trockenen Humor und eine Selbstironie an den Tag gelegt, dass ich mich hinter der Kamera sehr zusammenreißen musste, und ich denke, darum geht es in diesem Film auch. Der nüchterne Psychologe würde sagen, aha, eine Bewältigungsstrategie. Aber sicher nicht die schlechteste.

 

Von der Kraft des verwebten Erzählens

Contergan: Die Eltern

BRD 2003  Andreas Fischer   100 Min.

 

Andreas Fischer ist Filmemacher und künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien Köln. Auf dem DOKUMENTARFILMFEST MÜNCHEN hat sein Dokumentarfilm Contergan: Die Eltern Premiere. Günter Jekubzik interviewte den Filmemacher.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über die Eltern der Contergangeschädigten zu drehen?

 

Das liegt schon 10 Jahre zurück. Es gab immer wieder Dokumentationen über die so genannten „Contergankinder“. Die habe ich mit großem Interesse verfolgt, nicht zuletzt deshalb, weil das meine Generation ist. Dann fragte ich mich irgendwann, was war mit den Eltern? Wie haben die das erlebt? Was für eine Fallhöhe. Da sind junge Paare, sie sind verliebt, freuen sich auf ihr Kind und dann kommt das Baby zum Beispiel ohne Arme zur Welt. Und Schuld ist eine Schlaftablette.

Ich hatte dann auch sofort die Idee, den Film als Interviewfilm zu machen.

 

Wie kam es dann zur Realisation?

 

Vor 4 Jahren bekam ich Kontakt mit dem Bundesverband Contergangeschädigter e.V. Ich traf mich mit der Vorsitzenden Margit Hudelmaier und fragte, ob sie mir helfen würde, Interviewpartner zu finden. Die Idee fand sie gut, aber praktisch undurchführbar. Sie sagte sinngemäß: Es ist nicht machbar, wir werden NIE eine Mutter finden, die darüber sprechen wird, aber wir können es versuchen. Das fand ich ziemlich großartig.

 

Wieviel Interviewpartner gab es und wie habt ihr sie gefunden?

 

Margit Hudelmaier hat vorrecherchiert, und mir schließlich 20 Personen genannt. Ich habe dann mit allen telefoniert, einige mochten dann doch nicht mehr, andere wurden krank. Schließlich habe ich 12 Mütter und Väter interviewt, 10 Interviews wurden im Film verwendet. Im Schnitt zeigte sich, dass mehr Personen den Film überlastet hätten.

Wie gelang es dir, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen, dass sie so vertrauensvoll, herzlich und so offen ihre Liebes- und Lebensgeschichte erzählen?

Als ich die Interviews machte, war inzwischen klar, dass ich den Film im Auftrag des Bundesverbandes Contergangeschädigter produziere. Das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend hatte das Projekt gefördert. Also kam ich im Auftrag des Verbandes, avisiert von der Vorsitzenden. Das war schon einmal eine ganz andere Basis als wäre ich als völlig Fremder aufgetaucht. Außerdem waren die Mütter und Väter, die sich mit einem Interview bereit erklärt hatten, sehr daran interessiert ihre Geschichte zu erzählen, auch stellvertretend für alle anderen Eltern. Ich muss allerdings sagen, dass mich das Ausmaß der Offenheit und des Vertrauens welches mir entgegengebracht wurde, selbst überrascht und extrem bewegt hat. Letztendlich ist so etwas eine Frage der zwischenmenschlichen Chemie oder mit anderen Worten: ein Geheimnis.

 

Wieso der Ansatz, nur mit den Eltern zu sprechen? Welche Gründe gibt es, auch Bilder und Filme der Kinder nur sehr vorsichtig und zurückhaltend zu verwenden?

 

Es gibt ja einen Zusammenhang zwischen Reduktion und Intensität. Ich wollte eine möglichst starke Reduktion. Daher konzentrierte ich mich auf Interviews mit Eltern, baute verhältnismäßig wenig Archivmaterial ein und ließ den Erzählungen der Menschen einen möglichst großen Raum. Die „Kinder“ fanden es gerade gut, dass der Fokus auf die Eltern gelegt wurde. Auf die Idee war tatsächlich noch niemand gekommen.

Wie viel Zeit hast Du Dir für die Interviews genommen und wie viel Material stand am Ende zur Verfügung?

Wir haben mit jedem Interviewpartner einen Tag verbracht, und zwar bei ihnen daheim. Letztendlich hatten wir 50 Stunden Interviewmaterial und etwa die gleiche Menge Archivmaterial, hauptsächlich privates Super-8-Material von den Familien aber auch zeitgenössische Senderberichte.

Die Eltern erzählen vom Kennen lernen, von Verlobung und Heirat, der Schwangerschaft, von der Verschreibung und Einnahme des Contergan mit erstaunlicher Genauigkeit, von ersten beunruhigenden Gedanken, den Geburten und dem Aufwachsen der Kinder. War dir vorher klar, auf welche Themen du dich konzentrieren wirst ?

 

Ich sah die Geschichten der Eltern quasi als Drama. Ich habe überlegt, welche Situationen muss es gegeben haben, die Wendepunkte waren, die psychisch ganz besonders schwierig waren, oder auch wo gab es Wendepunkte zum Guten. Ich habe dann schon gezielt nach solchen Ereignissen gefragt. Zum Beispiel war mir klar, es muss für die Mütter eine extrem schwierige Situation gewesen sein, als sie erfuhren, dass die Contergantablette schuld an den Behinderungen der Kinder war - denn sie hatten die ja geschluckt. Man kann den Müttern keinen Vorwurf machen, denn Contergan wurde ausdrücklich als absolut unschädlich beworben und wurde auch sehr häufig von Ärzten verschrieben. Trotzdem ging ich davon aus, dass die Mütter oft Schuldgefühle haben müssten. Das war dann auch so. Aber die meisten Themen ergaben sich in den Gesprächen. Das wurde dann auch von Interview zu Interview leichter, weil ich immer mehr in die Anatomie der Geschichte Einblick bekam und bald wusste, wonach ich Fragen musste.

Welches Kamerakonzept gab es?

Bei den erste sechs Interviews war Roland Breitschuh der Kameramann, dann Dieter Stürmer. Wir drehten immer in den Wohnungen der Interviewpartner, in der Nähe eines Fensters. Ich wollte so weit wie möglich natürlich einfallendes Licht. Das birgt allerdings Risiken. Lichtwechsel, die beim Schnitt zu Problemen führen können. Aber wir haben Glück gehabt, nur ganz selten haben wir Lampen benutzt, wurde leicht mit indirektem Licht aufgehellt. Man darf im übrigen die Arbeit des Kameramanns bei einem Interviewfilm nicht unterschätzen. Es ist ja nicht damit getan, die Mühle aufzustellen und draufzuhalten. Es ist äußerste Sensibilität gefragt, beispielsweise um in den entscheidenden Momenten dem Interviewpartner in einer kleinen Bewegung zu folgen, die Kamera nie aufdringlich werden zu lassen, gerade bei solch einem heiklen Thema. Wir haben stundenlang ohne Unterbrechung gedreht, das erfordert pausenlose, absolute Aufmerksamkeit.

Wie war der Schnitt?

Furchtbar und unglaublich beglückend. Die Cutterinnen Martina Pille und Fabienne Westhoff haben mit mir 7 Monate geschnitten. Ich glaube, dieser Ansatz, ein Geschehen nur aus Interviews rekonstruierend zu montieren ist mit das Schwierigste was es im Schnitt gibt. Für mich war aber die psychische Belastung das größte Problem. Monatelang haben mich diese Geschichten und die Bilder bis in die Träume verfolgt oder mir buchstäblich den Schlaf geraubt. Als der Film dann aber Form gewann und wir spürten, dass das Konzept hervorragend funktioniert, war das ein extremes Glückgefühl.

Noch einmal zurück zur Form des Interviewfilms. Stand Eberhard Fechner bei Deinem Film ein wenig Pate?

Auf das Stichwort habe ich ja gewartet. Die Frage liegt natürlich nahe. Ich liebe die Filme von Fechner sehr, er ist wirklich eine Lichtgestalt in der deutschen Fernsehgeschichte. Seine Filme haben mir die Form des Interviewfilms nahe gebracht. Aber es lag mir nicht daran, seinen einzigartigen Stil zu kopieren. Mein Film unterscheidet sich in einem Punkt sehr stark von denen Fechners. Er hat die Erzählungen seiner Interviewpartner zum Teil stark zertrümmert und dann montiert. Da gibt es stellenweise nur Satzteile oder gar nur Worte, die äußerst kunstvoll montiert wurden. So weit bin ich nicht gegangen.

Wie gelingt es, Interviewfilm so packend zu machen?

Es gibt einen magischen Moment am Schneidetisch oder Avid. Beispiel: Eine Person beginnt, von etwas zu erzählen, dann schneidet man auf eine andere Person, die die gleiche Geschichte weitererzählt und dann auf eine dritte, die das Geschehen kommentiert. So sitzen die Interviewpartner sozusagen virtuell an einem Tisch und unterhalten sich. Auf diese Weise entsteht etwas völlig Neues, mehr als die Summe der Erzählungen, eine Art Meta-Erzählung. Das ist sehr faszinierend. Ich denke, es sind unsere großartigen Interviewpartner in Verbindung mit dem Verweben der Erzählungen und der zurückhaltenden Kamera, die den Film so stark machen.

Hast du Vorbehalte erfahren, einen Interviewfilm in Zeiten von History-Features zu machen?

Und wie! Sender lehnten ab. Filmförderungen lehnten ab. Ich bin wirklich sehr froh, dass der Bundesverband Contergangeschädigter e.V. und die Leute vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Vertrauen in das Konzept hatten und das Projekt förderten. Ich fürchte, vor allem in den Köpfen von vielen Redakteuren gibt es da eine Schublade: Interviewfilm = „Talking Heads“ = langweilig. Das hat keinen „optical value“. Das ist ja im Moment so ein Schlagwort. Ich finde es ziemlich traurig, dass die Form des History-Features á la Knopp inzwischen fast ein Monopol hat. Wenn das gut gemacht ist, habe ich nichts dagegen, aber ich finde, es sollten auch andere Formen möglich sein. Wenn ich einen Menschen im Bild habe, der mir etwas Spannendes erzählt, und auch packend erzählen kann, dann kann ich dem auch lange zuhören und brauche nicht nach jedem dritten Satz einen Schnitt und sofort Archivbilder. Mein Eindruck ist, manchmal wird da ein bisschen viel Kirmes betrieben aus Angst, der Zuschauer könnte wegzappen. Das ist schade, denn es entfaltet sich eine große Kraft, wenn man dem Erzählen vertraut. Das hat ja auch etwas sehr archaisches, man sitzt da und sieht und hört jemandem zu, der eine Geschichte erzählt. Ein Interviewfilm – um einem anderen gängigen Einwand zuvorzukommen – ist für mich auch nicht ein bebildertes Hörspiel. Unendlich viel erzählen mir auch Blicke, kleine Gesten, eine winzige Bewegung in Augenblicken des Schweigens.

Warum kommt der Contergan-Prozess im Film nicht vor?

 

Aus zwei Gründen. Thema meines Films ist das seelische Erleben der Eltern. Darauf habe ich mich konzentriert. Ich wollte kein Allround-Feature zum Thema Contergan-Skandal machen. Es gibt schon andere gute Filme zu dem Thema, etwa „Wegen Geringfügigkeit eingestellt“ von Gero Gemballa, ein sehr guter Film über den Prozess. Der zweite Grund: Der Prozess ging ja mit einem Vergleich zu Ende. Das Verfahren wurde eingestellt und die Herstellerfirma Grünenthal zahlte 60 Millionen DM in eine Stiftung ein. Zusammen mit einer Einzahlung des Bundes bildete dieses Geld den Grundstock für die Auszahlung von Renten an die Geschädigten. Dieser Vergleich ist bis heute unter den Eltern teilweise umstritten. Es gibt Kritiker die sagen, man hätte den Prozess um jeden Preis bis zur Verurteilung der Angeklagten führen müssen, oder, die Zahlung der Firma war zu niedrig. Wäre ich in meinem Film auf dieses Thema eingegangen, hätte ich eine große Strecke des Films darauf verwenden müssen, die verschiedenen Aspekte dieser Geschichte darzustellen. Das wollte ich nicht. Ich wollte mich auf die Eltern konzentrieren. Der Bundesverband war damit auch mehr als einverstanden.

Seit 1999 bis Du künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien Köln. Wie ließ sich denn die Arbeit dort mit der Arbeit an einem so großen Filmprojekt vereinbaren?

Das war stellenweise durchaus schwierig, vor allem in der Zeit des Schnitts. Ich bin oft zwischen den Seminarräumen der KHM und meinem Schneideraum hin und hergependelt. Aber die KHM und meine Kollegen dort haben mich sehr unterstützt, sonst wäre das schlicht unmöglich gewesen. Aber es hatte auch Vorteile. So konnte ich mit der Kassette unseres Rohschnitts ein paar Meter weiter in das Büro von Hansjürgen Rosenbauer, Horst Königstein und Dietrich Leder spazieren, die Professoren an der KHM sind, und sie bitten, einen Blick auf die Dramaturgie zu werfen. Da habe ich tolle Beratung bekommen, für die ich sehr dankbar bin.

Wie soll es jetzt nach der Premiere beim DOKUMENTARFILMFEST MÜNCHEN mit dem Film weitergehen?

Zunächst hat oberste Priorität, dass die Familien der Contergangeschädigten den Film zu sehen bekommen. Kürzlich auf einer Versammlung kam ein Contergangeschädigter auf mich zu und meinte: „Wann wird dein Film denn endlich fertig? Ich möchte endlich wissen, was meine Eltern erlebt haben.“ Ich glaube, es ist nicht schwer zu verstehen, dass in den Familien oft nicht über diese Dinge gesprochen wurde. Der Film wird viel bewegen. Darüber hinaus freue ich mich sehr, dass es ein großes allgemeines Interesse an meinem Film gibt. Erste Kinos haben gebucht und jetzt muss der Film in die Welt.

 

Das Interview führte Günter Jekubzik, Filmjournalist, Aachen.

 

Kontakt: 

Günter Jekubzik ghj@arena.de

Andreas Fischer moraki@t-online.de

 

 

  Andreas Fischer, Filmemacher

 

 

 

 

 

 

 

 

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